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Wadlglühen im Alpenland - Das härteste Radrennen Österreichs

Trophäen gibt’s im Sport für Gewinner, Medaillen für die, die es auf’s Treppchen schaffen. Beim Race Around Austria erhält jeder eine Trophäe, der ins Ziel kommt. Auf dem braunen, glatt polierten Holzblock steht ein magisches Wort: „Finisher“. Was es bedeutet, weiß, wer einmal dabei war, wer die 560 Kilometer mit 6.500 Höhenmeter in der vorgegebenen 24-Stunden-Karenz bis ins Ziel absolviert hat. So sehen Sieger aus!

Das wird das Top-Ding, ist sich Anna-Maria Wolkan vor dem Rennen sicher. Mutter, Schwester, ein ganzes Team von Fans sind zur Unterstützung nach Sankt Georgen im Attergau gekommen. „Das schaffst du in 20 Stunden“, tönen euphorische Sprüche vom Straßenrand. Schon nach den ersten Kilometern wird klar, warum das Rennen als das härteste in der Alpenrepublik gilt: Die erste kräftige Steigung hinauf zu einem kleinen idyllisch gelegenen Kirchlein kommt schon nach 10 Minuten. Da sind die Muskeln kaum warm und die ersten Stoßgebete bereits gen Himmel gerichtet.

Doch der Reihe nach. Zur technischen Abnahme darf nur Teamchef Thomas, Anna-Marias Freund und Unterstützer im Pace Car. Bestanden – kein Problem. Aber in Covid-19-Zeiten rückt kurzzeitig sogar das Radrennvirus in die Peripherie. Antritt zum Start mit Mundschutz. Das Team darf das Begleitfahrzeug nicht mehr verlassen – ebenfalls mit Maske vorm Gesicht, die nur für die Fotografen kurz gelupft wird. Die Zuschauer, die sonst in vielfacher Zahl die Rennfahrer anfeuern halten ein Meter Sicherheitsabstand. Alles Auflagen, die das Bundesland Oberösterreich zur Bedingung für die Durchführung des inzwischen legendären Radrennens in seiner 12. Auflage machte und das von der Gendarmarie fieberhaft patrouilliert wird.

Die Startrampe in der gut 4.000-Seelen-Gemeinde St. Georgen im Attergau nötigt Respekt ab. Mitten im Ort. Zwischen Kirche und Wirtshaus. Auch Anna muss da „erst mal ohne Sturz runterkommen“, scherzt sie lachend. Dass sie drei Stunden vor dem Start aufgeregt umherzappelt – wen wundert’s.

Thomas und Martin haben den Team-Proviant für 24-Stunden-Nonstop-Fahrt im Pace Car aufgefüllt: Obst, Sandwiches, Müsliriegel, Hallo-Wach-Drinks und Wasser. Für Anna gibt’s davon nichts. Jede Stunde einen halben Liter Iso-Drink plus 200 Milliliter Flüssignahrung, sieht ihr On-the-road-Ernährungsplan vor. „Am Ende werde ich das Zeug nicht mehr sehen können“, verzieht sie die Mundwinkel. Aber was sie unterwegs zu sich nimmt, soll sich aus dem Körper bestenfalls über die Poren verflüchtigen. Wenn zu viel Isodrinks Magen und Darm rebellisch machen sollten, „ist’s eh vorbei“. Das Race-around-Austria ist ein Hochleistungs-Event. 24 Stunden im Sattel. Absteigen für Geschäfte sieht der Rennplan nicht vor. Auch nicht für großen technischen Service. Deshalb fahren vier Ersatzräder an Bord des Begleitfahrzeugs mit.

10, 9, 8,… los geht’s. 32 Grad im Schatten. Davon gibt’s leider wenig auf Asphalt. Die gefürchtete Startrampe wird zum Adrenalinschub, die in Annas Gesicht eine weitere Dosis Lächeln zaubert.

Sechs Stunden später, die Uhr zeigt 21:12. Dunkelheit ist übers Mühlviertel hereingebrochen. Die Strecke führt bergauf, bergab. Anna fuhr bisher einen sensationellen Schnitt von über 30 km/h. Ihre WhatsApp Community ist schier am Ausflippen. Viel hatte man dem Vorarlberger Energiebündel mit Wurzeln im Steyrischen Zeltweg zugetraut. Aber was sie bislang leistet, ist phänomenal. Unter einem Video, das Isabella, die gute Seele im Team, aus dem hinterherfahrenden Begleitfahrzeug schickt, textet sie staunend: „Das ist kein Zeitraffer!“

Die Mühlviertler sind Radfreaks, feuern die Rennradler entlang der Strecke an. Es geht in die „Nacht der langen Messer“, möchte man sich im Wortschatz eines legendären Motorsport-Rallye-Events bedienen. Engelhartszell, Aigen-Schlägl, Feistadt, Mauthausen. Zwischen Steyr und Sankt Gallen geht die Sonne wieder auf. 350 Kilometer haben die Radlwadl bis dahin auf den Rennradtacho gespult. Mit einem sensationellen Schnitt von immer noch über 25 km/h. Doch mit jedem Kilometer und jeder weiteren Stunde im Sattel nähert sich das Race around Austria seinem peinigenden Ruf. Die Wadl werden hart. Thomas taped Annas Knie. Erst links, dann rechts, dann beide doppelt. Bei Kilometer 398 steht der härteste Anstieg von 390 auf über 1000 Meter NN an. „Da hab ich gemeint, hier geht’s nimma weiter“, sagt Anna später. Sie beißt die Zähne zusammen, fährt weiter und hat für den Fotografen am Straßenrand noch immer ein „Hi“ mit einem Lächeln auf den Lippen.

Über Kirchdorf geht’s nach Gmunden. Der Traunsee bleibt links liegen, Kurs in Richtung Attersee, dem mit 46 Quadratkilometer Wasserfläche größten See Österreichs. Am gegenüberliegenden Ufer winkt das Ziel St. Georgen, doch vorher kommt der Pass hinauf zum Skigebiet Hochlecken. Hobbyfahrer messen an diesem Pass ihr Standvermögen, legen sich auf der Passhöhe flach und träumen von ihrer Leistung. Anna-Maria Wolkan hat am Anstieg zum Pass bereits 23 Stunden und rund 500 Kilometer in den Beinen. Sie kämpft, sie quält sich hoch. Thomas läuft ein Stück zu Fuß neben seiner Lebensgefährtin her, motiviert, kühlt Annas Rücken mit einer kalten Wasserdusche. Und Anna fährt, fährt wie der Wolkan-Express, den der Moderator am Start angekündigt hatte.

Auf der Passhöhe angekommen schmerzen die Knie, die Beine, die Füße, das Kreuz. Isabella, die Annas Fans in der großen WhatsApp-Gruppe immer wieder live dabei sein lässt, massiert Annas Oberschenkel, Thomas dehnt vorsichtig ihren Rücken. Anna bilanziert kopfschüttelnd und mit feuchten Augen: „Das Verrückteste, was ich mir je angetan hab‘“. Kaum hat die Banane ihre Energiereserven wieder etwas gefüllt, sitzt sie im Sattel. Es geht steil bergab, dann nochmal kurz bergauf. Als der Attersee hellblau aus dem Tal blinkt, reißt die Vorarlbergerin die rechte Faust hoch und schickt ihren Urschrei weithin hörbar übers Salzkammergut. „Ja!…Ja!…Ja!“ Noch sind es 30 Kilometer, aber die sind flach. Der letzte schwere Anstieg führt vom Marktplatz auf das Zielpodest in St. Georgen zur Übergabe der Trophäe Race around Austria „Finisher“.

„Wenn’s geschafft ist, ein Bier trinken und dann kann ich mich eh hinlegen“, hatte sie vor dem Start gesagt.

Und nach dem Start? Kommt dann das nächste Rennen? „Naaa!“, schüttelt sie mit authentischem, keinen Widerspruch duldendem Akzent den Kopf. Das war ein absolutes Highlight. Aber jetzt, sagt die sympathische und auch nach 560 Kilometern und 6.500 Höhenmetern am Stück immer noch lustige Vorarlbergerin, „ziehe ich erst mal die Wanderstiefel wieder an.“ Und setzt dann noch eins drauf: „Natürlich HAIX!“

 

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