Einsatz auf dem Oktoberfest

München und das Oktoberfest – eine Liason, die klingt wie Weltstadt und Kultur. Über sechs Millionen Besucher zieht das größte und bekannteste Volksfest der Welt jährlich in seinen Bann. Sie trinken 7,5 Millionen Liter bayerisches Bier und essen eine Million Portionen Hendl, 70.000 Schweinshaxen und 114 ganze Ochsen. Zwei Wochen eine einzige große Feier. Eine Millionenstadt im Ausnahmezustand. Fast unbemerkt von den Besuchern gilt dieser Ausnahmezustand auch hinter den Kulissen. 2031 extra Polizei-Einsätze in zwei Wochen. 7551 Wiesn-Besucher versorgte das Bayerische Rote Kreuz. Und die Münchner Feuerwehr mit ihren Notarztteams rückte alleine am ersten Samstag pro Stunde 54 Mal zu Einsätzen aus. Unter ihnen die leitende Oberärztin Dr. Viktoria Bogner.

Dr. Viktoria Bogner kommt spät an diesem Tag. “Notfall”, entschuldigt sich die leitende Oberärztin in der Notaufnahme der Klinik für Allgemeine, Unfall-, Hand- und Plastische Chirurgie der Ludwig Maximilians Universität München. Eine abgebissene Lippe ist auch für die versierte Medizinerin kein Alltagsdelikt.
Treffpunkt Oktoberfest-Wiese. Der junge Mann wird sie Dank seines ‘Souvenirs’ in Erinnerung behalten. Die Kollegen von der Polizei berichten in ihrem täglichen Rapport am nächsten Tag wie folgt:

“Am Nachmittag des ersten Wiesnfreitag geriet eine alkoholisierte 30-jährige Amerikanerin mit einem 23-jährigen Australier in einem Festzelt in Streit. …mit den Faustschlägen gab sich die rabiate Dame nicht zufrieden. Sie biss dem Australier ein Stück aus der Unterlippe heraus und spuckte dieses auf den Boden. Das abgebissene Teil der Unterlippe konnte dem Australier in einer Klinik wieder angenäht werden. Die Täterin wurde festgenommen.”

Für die Notärztin an diesem Tag ein “sportlicher Einstieg”, wie sie sagt. Standardbehandlungen auf der Wiesn sind Schnittverletzungen im Gesicht. “Wenn Masskrüge fliegen, gibt’s oft schwerste Schnittwunden”, erzählt Viktoria Bogner. Schlimm ist daran auch, dass es oft völlig Unbeteiligte erwischt.
Zu den unglaublichsten Einsätzen zählen sicherlich die „Knödel-Reanimationen“. Die Schweinshaxen auf der Wiesen sind berühmt. Mit Knödel und Soße ein Gedicht. Doch wenn nach der 3., 4. oder gar 5. Mass Bier sich Alkohol und Übermut ungesund zusammentun, dann kann es schon passieren, dass einer den Knödel plötzlich in einem Stück verschlingen will. Was nicht gut gehen kann. Solche Erstickungsfälle haben die Münchner Medizinerin und ihre Kollegen „schon mehrfach reanimiert“.

Oft ist es nicht einfach mit den Patienten Kontakt aufzunehmen. Sofern sie überhaupt ansprechbar sind, kommt ein englisch-chinesisch-japanisch-italienisch-französisch Gebrabbel über die Lippen. Dirndl und Lederhosen sind dabei schon lange kein Indiz für die Herkunft mehr. Aus vielen Ländern gibt es All-Inclusive-Oktoberfest-Reisen. Flug, Hotel Festzeltreservierung und bayerische Tracht inbegriffen.
Doch warum stellt man sich als erfolgreiche junge Ärztin dann diesem hardcore-Einsatz? Um überhaupt hier als Notarzt stehen zu dürfen, bedarf es eines Medizinstudiums, das in der Regel sieben Jahre dauert. Anschließend sind drei Jahre Berufserfahrung und dabei eine ganze Reihe von Spezialeinsätzen gefordert. Der medizinische Wiesn-Dienst beginnt um 9 Uhr morgens und dauert bis um 02 Uhr in die Nacht. Pro Einsatz erhalten die Ärzte-Helfer eine Pauschale von vier Euro. „Wegen Geld bestimmt nicht“, lächelt die Tochter des bekannten bayerischen Filmregisseurs Franz-Xaver Bogner. Wenn der netten Ärztin das Wort „Idealismus“ über die Lippen rutscht, ist das Leuchten in ihren Augen nicht zu übersehen. „Man ist halt auch ein Münchner“, sagt sie. Da gehöre das einfach dazu. So wie die Theresienwiese zur Stadt. Das Notärzte-Team rekrutiert sich jedes Jahr aufs Neue aus einer überschaubaren Gruppe gleichgesinnter Mediziner. Ohne sie wäre die wichtige ärztliche Erstversorgung auf der Wiesen kaum möglich.

Trotz allem, was sie bei ihren Einsätzen sehen und erleben: Auf die Wiesn und ins Festzelt gehen sie auch privat immer noch gerne. „Das Oktoberfest in München ist halt einfach einmalig und trotz allem wunderschön.“ 


Wiesn-Statistik
• 172 Fahr-, Schau- und Laufgeschäfte sind auf dem Oktoberfest
• 293 Marktleute verkaufen Lebkuchenherzen, Zuckerwatte und sonstiges
• 1.180 Tonnen Abfall (Restmüll, Speisereste) fallen pro Jahr an
• 4.750 Fundsachen wurden letztes Jahr gefunden
• 20 Prozent der Fundstücke werden wieder abgeholt
• 2031 mal wurde die Polizei gerufen
• 22 mal rückte die Feuerwehr aus
• 10.911 Rettungsdiensteinsätze wurden 2013 gefahren