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Eine außergewöhnliche Frau mit einem außergewöhnlichen Job - Anni Nagel

Seit sie sechs ist, stand für Anni Nagel fest: „Ich will Stuntfrau werden.“ Ein außergewöhnlicher Job – egal ob für Mann oder Frau. Für ein kleines Mädchen, 1980 geboren, aber ganz besonders. Internet gab’s nicht und auch keine sonstigen Informationen über das Berufsbild von Stuntdarsteller. Anni schaute mit ihrem Papa fern, verfolgte leidenschaftlich Filme mit „Dick&Doof“, „Bud Spencer“ oder der „Sieben-Millionen-Dollar-Frau“ – und fällte einen Entschluss: „Das möchte ich auch machen!“ Mutig und wild war sie schon damals, in den 1980ern. „Ich bin überall hochgeklettert und runtergesprungen“, erzählt sie über sich in einem Alter, in dem Kinder ihre Traumberufe für gewöhnlich schneller wechseln als ihre Schuhgrößen: Das kleine Mädchen mit den schwarzen Haaren aber ließ sich von ihrem Traum nie abbringen, nicht durch Widrigkeiten und nicht von Hiobsbotschaften.

Katastrophe kurz vorm Abi

Anni begann mit Zirkus-Artisten zu trainieren, übte Kunststücke am Trapez und Akrobatik am Seil. Irgendwann erfuhr sie, dass Stuntfrau tatsächlich ein richtiger Beruf ist. Ihr Weg schien vorprogrammiert.

Kurz vor dem Abitur kam die Katastrophe. „So dumm“, schüttelt sie noch heute den Kopf in die Video-Schalte. „Akrobatik machen ohne sich vorher aufzuwärmen“: Kreuzbandriss, Außenmeniskus kaputt, Knorpelschaden. Das rechte Knie ein Totalschaden: Die Ärzte prophezeiten, wenn sie beim Leistungssport bleibt, sitzt sie mit 30 im Rollstuhl. Eine Diagnose, die Lebensträume zerstört. „Als junge Erwachsene“, sagt sie, „vertraut man natürlich auch darauf, dass solche Aussagen stimmen“.

Anni sattelte um – mental und schweren Herzens. In der vermeintlichen Gewissheit, dass es mit berufsmäßigem Sport und Action für immer vorbei war, lernte sie Maskenbildnerin, spezialisierte sich auf Make-Up Spezialeffekte und erntete in kürzester Zeit sensationelle Erfolge: Sie schminkte Outfits für alle drei Hobbit-Filme, für Superman & Co. Eine Hollywood-Produktion nach der anderen klopfte bei der kreativen Gesichtsverwandlerin aus Deutschland an.

Ein größeres Projekt führte die gefragte Maskenbildnerin zu den legendären Bregenzer Festspielen. Drei volle Monate lang arbeitete sie dort Tag für Tag an der Seite eines Stuntteams – und quälte sich Abend für Abend mit der immer gleichen Frage: „Bin ich im falschen Team?“ 

Von Hobbit zu Lara Croft

„Ich hab‘ die Jungs mit ihrer Akrobatik am Set gesehen und dachte nur: Ich will das auch!“, lacht sie heute darüber, als könnte sie den Zufall und das Glück noch immer nicht fassen. Dass die früheren Diagnosen ihrer Ärzte nicht zutrafen wie vorhergesagt, war ihr nicht entgangen. „Das galt für den Zeitpunkt des Unfalls, als ich meinen Berufswunsch festlegen musste“, sagt sie. Vom Training und von ihrem Hang zur Akrobatik hatte sie sich dadurch aber nie abbringen lassen, hatte weiterhin Zirkus-Luftakrobatik geübt, ging Klettern und Skifahren. Eine Zirkustrainerin war es auch, die ihr zeigte, wie man mit so einer Verletzung umgeht – nicht nur physisch, sondern auch mit den ausgelösten psychischen Blockaden.

Das Angebot nebenher mit dem Stunt-Team zu trainieren, packte die attraktive Frohnatur beim Schopf. Dass jenes Team auch noch „zufällig“ bald darauf eine Stuntfrau suchte, die klettern, sich kopfüber abseilen und schießen konnte und (nicht nur) ein bisschen aussah wie Lara Croft – „wie es der Zufall halt so will!“, lacht sie. 

Startrampe zum Stunt

Das Ufer des Bodensees entpuppte sich für die Effekt-Visagistin als Startrampe in die Karriere als Stunftrau und der Galileo-Beitrag über die „Lara-Croft Mythen“ wurde so zu ihrem ersten Stuntdreh.  Ein – verspäteter – Einstieg in Annis Traumberuf, aber „das Beste, was mir passieren konnte! Ich dachte nur: Wow! Und damit kann man auch noch Geld verdienen? Wenn man soviel Spaß bei der Arbeit hat?“ 

Anni ist Perfektionist: In der Vorbereitung jeder Szene, beim Equipment, vom Helm bis zum (HAIX)Schuh. Eine Ausbildung für ihren Beruf wie etwa im Handwerk oder im Handel gibt es zur Stuntfrau nicht. „Du schließt dich einem Stuntteam an, trainierst mit und lernst von jedem einzelnen, was er am besten kann“, erzählt sie von ihrem „zweiten Bildungsweg“, in dem sie wieder ganz unten anfing. „Die Skills als Stuntfrau musst du dir hart erarbeiten“. Learning by doing zählt dabei zu den wichtigsten Hausaufgaben. Anni assistierte und trainierte. „Einer im Stuntteam kann besonders gut Autofahren, der andere kennt alle Tricks in der Seiltechnik“, sagt sie und irgendwann erkennt ein guter Stuntkoordinator, wann du in dem einen oder anderen Bereich endlich soweit bist, dass du eingesetzt werden kannst.

In den Anfangszeiten arbeitete ihr Team viele Autostunts ab. Jedes Blechgefährt, das nach den Drehs noch vier Räder hatte, riss sich die Novizin im Stuntbusiness unter den Nagel und übte, übte, übte. „Autostunts sind teuer, nur wenn du an Fahrzeuge kommst mit den du trainieren kannst, lernst du das“, sagt die Mutter einer achtjährigen Tochter und nutzte konsequent jede Chance, die sich ihr bot. Ihr Drang zum Perfektionismus war dabei immer die beste Versicherung für eine gute Performance und für die eigene Gesundheit.

Überschlag durch Feuerwand

Heute zählt Anni zu den gefragtesten Frauen Europas, wenn es um Autostunts geht. Verfolgt vom Helikopter, jagte sie auf Mallorca die neue AMG Mercedes A-Klasse für den prämierten Werbespot die Serpentinen hoch. Ihr Stunt-Repertoire reicht aber weit über das Lenkrad hinaus, ist schier unglaublich. Sie springt mit dem Fallschirm im Formationsflug, sie reitet, taucht, klettert oder peitscht auf dem Surfboard über die Wellen. Sie brennt für Feuerstunts, beherrscht Abseiltechniken und parliert im Präzisionsfahren wie kaum eine andere.
Für eine Hollywood-Dokumentation schraubte sie sich im Auto mit Tempo 80 durch eine gigantische Feuerexplosion, um dahinter wieder auf zwei Rädern zu landen. Das sind die harten Stunts, die ein Menge Spaß machen und dem Körper mindestens genauso viel abverlangen. „Da brauchst du manchmal schon ein paar Tage, bis sich dein Body wieder voll erholt“, sagt Anni und lässt inzwischen solche Stunts gerne auch mal die ganz jungen Kollegen machen. Letztes Jahr ist sie 40 geworden. Gefühlt, sagt sie, „bin ich heute fitter als mit 18“. Gelaunt ist sie mindestens so gut wie am ersten Tag ihres zweiten Berufslebens. Also alles richtig gemacht?! 

Bad Banks, Spätzle Arrabiata und Bergretter

„Auf jeden Fall!“ Auch wenn die Knochen die harten Impacts auf Asphalt inzwischen schon deutlicher quittieren, als mit 20. Dafür hält der Beruf eine Menge anderer Abwechslung bereit. Anni liebt Helikopter-Einsätze und Fire Jumps. Sie flüchtet als TATORT Opfer vor ihren Peinigern, stürzt Abhänge hinunter und lässt sich in der ZDF-Serie Die Bergretter mit dem Helikopter aus tiefen Schluchten bergen. Sie ist bei Kommissar Dupin ebenso im Dauereinsatz wie bei der SOKO in Kitzbühel. Bad Banks, Spätzle Arrabiata, Die Chefin, Flucht ins Höllental, diverse Galileo-Produktionen und unzählige Tatorte reihen sich wie Perlen in die lange Reihe ihrer Referenzen. Für 29 große Film-, TV und Serien-Produktionen war sie die beiden letzten Jahre engagiert. Die tabellarische Auflistung ihrer Filmbiographie füllt fast zehn DIN A4 Seiten. Darin gesellen sich zunehmend auch kleine Schauspiel-Rollen, wie jene der Diana Gedder im Stuttgarter Tatort „Der Welten Lohn“, oder die einer abgestürzten Drachenpilotin bei den Bergrettern, oder die Figur der Pia in der TV-Serie „Schneller als die Angst“, die demnächst auf den TV-Schirm kommt.

Häufig steht sie als einzige Frau am Stunt-Set, genauso wie auf dem Key Visual Poster von HAIX, wo sie die Notfallsanitäterin mimt. Das nimmt sie locker, sagt „der Job ist außergewöhnlich – egal ob für Mann oder Frau.“ Den Respekt am Set musst du dir mit deiner Leistung verschaffen, nicht mit schönen Augen. Jeder weiß, was sie kann!
Seit einigen Jahren wechselt die Baden-Württembergerin als Stuntkoordinatorin auch hinter die Kulissen, performed realitätsgetreue Action-Szenen und übernimmt Verantwortung für das Team. „Es gibt inzwischen viele junge Leute, die nachkommen, die ausgebildet werden müssen“, das macht ihr Spaß und eröffnet ganz neue Perspektiven in ihrem Job.

Job und Tochter  

Mathias Schendel, Chef des Stunt Team Germany und des HAIX Action Teams begleitete Annis Stuntwoman-Karriere von Anfang an. Mit ihm arbeitet sie nicht nur viel zusammen, die beiden haben auch eine gemeinsame Tochter. Manchmal darf die achtjährige Elodie mit zum Set. Meistens springt die Oma ein, wenn die Mama beim Drehen ist. Doch während andere Stuntleute nach der letzten Klappe ein Bierchen trinken, pendelt Anni wann immer möglich nach Hause zu ihrer Kleinen. „Das ist nicht immer einfach“, sagt sie: „Aber ist mir so unendlich wichtig.“  

Ob die kleine Elodie auch einmal Stuntfrau wird, soll und darf sie selbst entscheiden.  „Sie bewegt sich schon jetzt unglaublich viel, aber sie geht auch mit viel Risikoabschätzung und Vorsicht an die Sachen ran“, beobachtet der Profi in ihrer Mutter, der aber letztendlich nur eines wichtig ist: Dass auch ihre Tochter „mal einen Job machen kann, der sie so fordert wie mich meiner“, sagt Anni, und der ihr ebenso „unglaublich viel Spaß macht“. 

 ©HannoMeier//2021-03 

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