Auf der Fährte des Outdoor-Fotografen

Als Fotograf habe ich meine Arbeit und meine ureigensten Interessen mit einander verbunden. Outdoorleben, Jagd, Offroad – alles das, was man heute noch an Abenteuer in der Natur erleben kann, gehört zu meinen persönlichen Leidenschaften und meinen fotografischen Themen. Dabei verstehe meine Kamera als ein Werkzeug, das mir dazu dient, diese Welt einzufangen und festzuhalten oder aber auch zu rekonstruieren oder zu inszenieren. Das klingt nach einem Traumjob und letztendlich ist es das auch. Dennoch muss man sich manchmal zur Arbeit zwingen – zum Beispiel dann, wenn es heißt in einem atemberaubenden Jagdrevier die Büchse mit der Kamera zu tauschen.

Mein Tag beginnt im Morgengrauen.

Während der kurzen Fahrt, die mich zum Ausgangspunkt der heutigen Pirsch bringt, wird mir bereits klar, warum ich mit dem Land Rover unterwegs bin. Seit der Abfahrt stehen die Scheibenwischer auf schnellster Stufe. Eine kleine, wegen Hochwassers gesperrte Brücke hätte normalerweise das vorläufige Ende derer Tour bedeutet. Nun aber durchfahre ich den Fluss an einer seichteren Passage stromabwärts und pflüge dann quer über eine überschwemmte Wiese zurück zur Route.

Am Ausgangspunkt der Jagd bin ich bemüht wenigstens trocken an das Regenzeug zu gelangen. Das jedoch geschieht allenthalben zur vorläufigen Beruhigung, denn nass wird man hier sowieso. Sei es wegen des schweißtreibenden Aufstiegs, der noch vor mir liegt oder wegen des anhaltenden Regens, der mir auf der unbewaldeten Fläche zuweilen waagerecht ins Gesicht peitscht. Neben den körperlichen Herausforderungen, die eine Jagd auf eigene Faust in den Highlands darstellt, sind die Wetterbedingungen hier oben im Herbst ein echter Materialtest. Wie so oft bei der Jagd ist auch hier das Beste gerade gut genug. Wen wundert es also, dass ich auch dieses Mal bei der Zusammenstellung der Ausrüstung auf meine HAIX® Jagdstiefel zurückgegriffen habe.

Nach mühsamen drei Stunden Kampf gegen Wind und Wetter erreiche ich die letzte Hügelkette, die mich von der dahinter liegenden Ebene trennt, ohne bis dahin Wildkontakt gehabt zu haben. Ich lege Rucksack und Waffe ab und begebe mich auf allen Vieren vor bis zum Grat.

Eine dreiviertel Stunde liege ich fast bewegungslos in der Heide und „glase“ das Gelände systematisch ab, ohne dass ich Wild ausmachen kann. Die über mir kreisenden Krähen werden mich wahrscheinlich schon für tot gehalten haben, als es plötzlich meinen Körper durchfährt: weit über die Ebene hinaus steht in der etwa 3-4 km entfernten Hangflanke des 849m hohen Beiin nan Imirean, ein riesiges Rudel Rotwild, das ich bisher als Farnkraut angesprochen hatte. Die Bewegungen eines starken Hirsches, der sich in diesem Moment aus seinem Bett erhoben hat, haben das widerkäuende Rudel verraten. Ich präge mir das Gelände meines Zielgebietes so gut wie möglich ein und fasse den Entschluss, das Rudel anzugehen.

Der Wind steht gut, doch trotz der Entfernung kann ich mich nicht direkt auf das Rudel zubewegen. Meine einzige Chance besteht darin, die gesamte Ebene unter Deckung zu umschlagen. Der Weg ist weit und die Strecke alles andere als ein Sparziergang. Zweimal breche ich in ein überwachsenes Moorloch ein und überschlage mich kopfüber samt Rucksack und Gewehr. Trocken ist nun schon lange nichts mehr an mir.

Knappe zwei Stunden später erreiche ich den Fuß des Berges. In einer Rinne, die mir Deckung gewährt, steige ich auf. Das Gelände sieht nun völlig anders aus, doch ich bin mir sicher, dass sich das Rudel unterhalb vor mir befinden muss. Vorausgesetzt, es ist überhaupt noch am Platz.

Ich verlasse die Rinne und lasse mich bäuchlings abwärts bis zur Kante gleiten, um die dahinter liegende Terrasse einzusehen. Aber auch diese ist leer. Die Ungewissheit in mir wächst. Im Verlauf der nächsten halben Stunde lege ich so manchen Meter auf allen Vieren zurück ohne auf Rotwild zu stossen. Mittlerweile muss ich mich disziplinieren, um nicht unvorsichtig zu werden. Einmal zu wenig mit dem Glas gesichert oder den Kopf zu schnell gehoben und die Jagd auf dieses Rudel ist für heute vorbei.

Dann kommt die entscheidende Wende. Ich bin mit Sinnen und Glas nach vorn orientiert und zur Seite hin fast ungedeckt, als rechts von mir drei Stücke weibliches Rotwild im Augenwinkel auftauchen. Ich war zu unvorsichtig, doch glücklicherweise haben sie mich noch nicht bemerkt und mein Fehler bleibt ungesühnt.

Ich drücke mich tief ins Gras und mein ohnehin schon heftiger Puls legt nochmals zu.

Doch wo befindet sich der Rest des Rudels – wo der kapitale Hirsch?

In einem schräg zum Hang verlaufenden Band versuche ich an den Wachposten vorbei zu kommen. Ich lege alles Überflüssige und auch meine Jacke ab und schiebe mich langsam durch ein kleines Rinnsal vorwärts. Mir verbleiben ca. 80m bis zu dem einzigen Felsbrocken, der mir erreichbar scheint und gleichzeitig guten Blick auf das weithin offene Land verspricht. Ich drücke mich so tief wie möglich auf den Boden. Das entgegenkommende Wasser fließt mir in Ärmel und Hosenbund und an den Hosenbeinen wieder hinaus. Lediglich die Schuhe sind noch dicht, Sie geben keinerlei Wasser mehr frei. Schließlich verlasse ich die Rinne und erreiche den Felsen unerkannt.

Eine Mischung von Schweiß, Torf und Wasser läuft mir aus dem Gesicht.

Im Schatten der Deckung überprüfe ich meine Waffe und mache mich im Geiste bereit für das, was auf der anderen Seite des Felsens zum Vorschein kommen würde. Ich hebe meinen Kopf Zentimeter für Zentimeter aus der Deckung hervor. Die stille Anspannung steigt ins Unermessliche, um dann von rasendem Herzschlag abgelöst zu werden. Mein Plan ist aufgegangen. Ein ungerader Zwölfender steht vor mir!

Mit ihm zwei geringere Beihirsche sowie der Rest des Rudels von etwa 50 Tieren.

Gern würde ich den Anblick weiter auskosten, doch ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich messe 148m bis zum Blatt des Zwölfers. Eine Kurzstrecke für die 10,7 Gramm Metall, die in meinem Patronenlager darauf warten, freigelassen zu werden. Ich bringe das Absehen ins Ziel und lasse zwischen zwei Herzschlägen fliegen. Den Bruchteil einer Sekunde später zeichnet der Kapitale mit einem kurzen Sprung und nach kurzer Flucht tut er sich in der Heide nieder. Der Verschluss meines Repetierers fliegt auf und wieder zu. Das Absehen wacht noch einige Sekunden auf dem rotbraunen Körper aber nach einem letzten Laufschlag tritt endgültig Ruhe ein.

Ich bleibe zunächst am Felsen hocken. Eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und Ehrfurcht bannt mich am Platz. Ich muss mir mehrmals selber vorsagen, dass mein Plan tatsächlich aufgegangen ist. Der Beweis liegt knappe 150m vor mir.

Uwe Rattay / www.uwerattay.com