Auf dem Great Trail durch Kanada

Der Weg ist das Ziel

Ich habe aufgehört mitzuzählen, wie oft mir schon eine Mitfahrgelegenheit angeboten wurde. Auch wenn mir die Füße schmerzten, habe ich jedesmal mit einem Lächeln abgelehnt und mit fester Stimme geantwortet: Ich laufe.

Um genau zu sein, laufe ich 15.000 km auf dem Great Trail durch Kanada. Dafür hatte ich zwei Jahre eingeplant, aber das war zu einem Zeitpunkt, als ich Zeit, Distanz und Geschwindigkeit anders erlebte und dem Wert Entschleunigung nicht viel Bedeutung schenkte.

Es war der 31. Mai 2017, als das Flugzeug abhob und sich meine Augen mit Tränen füllten, die ich still und lächelnd wegwischte. Endlich, nach elf Monaten Vorbereitung, in denen ich zusätzlich zwei Jobs arbeitete und ein sehr minimales Leben führte, startete ich in ein neues Abenteuer. Der Plan: Kanada auf dem weltweit längsten Wanderweg kennenzulernen.

Der Great Trail ist ein 24.000 km langer Wanderweg, oder besser gesagt, ein nationales Netzwerk aus über 400 verschiedenen Wander- und Wasserwegen, Straßen, Highways und Gehwegen. Die Strecke verbindet Kanada zwischen dem Pazifischen, Atlantischen und Arktischen Ozean und schließt viele kleine Gemeinden und so ziemlich alle großen Städte mit ein.

Ich beschloss dem Wanderweg westwärts vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean zu folgen.

Am 2. Juni 2017 tauchte ich meine Füße in den Atlantik und begann meine Fernwanderung in Cape Spear, Kanadas östlichstem Punkt. Mein 25 Kilo Rucksack saß ziemlich schwer und unbequem auf meinem Rücken. Die ersten zwei Monate führten mich 900 km auf einem Kieselweg, dem T’Railway Trail, durch Neufundland. Ich litt. Meine Schlüsselbeine und Hüftknochen waren wundgerieben und meine Füße brannten. Ich trug meinen Schmerz meilenweit und es fühlte sich an, als würde er niemals nachlassen. Ich saß erschöpft auf dem staubigen Weg oder kühlte meine Wunden in kalten Flüssen und Seen. Manchmal dehnte ich diese Ruhephasen aus, um nicht laufen zu müssen, um den Rucksack, den ich kaum heben konnte, nicht aufsetzen zu müssen. Neben dem Schmerz kämpfte ich in den warmen Sommermonaten mit Schwärmen von aggressiven Mücken und fiesen kleinen Kriebelmücken. Als die Sonne sank und ich mich in meinem Zelt eher ungemütlich schlafen legte, hielt ich meinen Atem an, wenn das Knacken von Ästen in die Nacht schallte. Was immer es ist, dachte ich, ich hoffe es findet seinen Weg nicht zu meinem Zelt. Schmerz, Unbehagen und Angst wurden ständige Begleiter.

Aufgeben? Nein, daran hatte ich nie gedacht. Meine Wahrnehmung von Freiheit und Selbstbestimmung und das daraus resultierende Glücksgefühl waren so stark, dass sie die anfänglichen Leiden des Wanderlebens aufwogen. Ich sang, lachte, schrie und manchmal weinte ich auch meine Glückseligkeit in die neufundländliche Weite. 

Nach zwei Monaten setzte ich nach Nova Scotia über. Mit Faszination stellte ich nach Monaten des Wanderns fest, dass mein Körper sich anpasste. Ich fing an leichter und weiter zu laufen und begann kühn meine neue Ausdauer auszutesten. Der Rucksack saß nicht mehr so schwer und die Angst wich. Ich hatte kein Problem mehr allein durch dunkle Wälder zu laufen und wenn ich nachts in meinem Zelt die Kojoten in der Ferne heulen hörte, fand ich trotzdem Schlaf. Ich gewöhnte mich daran, täglich neben den Fährten von wilden Tieren zu laufen. Elche, Hasen, Rehe Füchse, Bären und Kojoten – ihre Spuren verrieten, sie sind alle da. Umgeben mich unsichtbar. Und wie ein wildes Tier hinterließ ich meine eigenen Spuren auf staubigen Wegen.

Vom Spätsommer bis in den Herbst hinein erntete ich wilde Beeren, Äpfel und Pilze entlang des Weges und setzte im Herbst mit der Fähre nach Prince Edward Island (auch Kanadas Potatoe Island genannt) über. Ich genoss die Farbenvielfalt der Ahornbäume und sammelte Kartoffeln und Zwiebeln vom Acker für mein Abendbrot. Es war ein langer, recht warmer Herbst, der weit in den Dezember hineinreichte. Eine kurze Fahrt über die Confederation Bridge (Fußgänger sind verboten) brachte mich in die vierte Provinz: New Brunswick. Die Temperaturen wurden zunehmend kälter. Ich tauschte meinen Sommer- gegen einen Winterschlafsack und meine HAIX Scout Lady Wanderschuhe, die ich nach ca. 2.500 km durchgelaufen hatte, gegen ein neues Paar Winterwanderschuhe. 

Der Winter wurde meine neue Herausforderung. Zelten bei Temperaturen unter -30° C traute ich mir allein nicht zu, aus Angst vor Unterkühlung oder gar Erfrierung. Wie bereits in den Monaten zuvor, ermöglichten es mir die Kanadier mit ihrer Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit dennoch, meinen Weg fortzusetzen und die nötige Praxiserfahrung im Wintercamping zu sammeln, mit der ich nun mit mehr Selbstsicherheit in den nächsten Winter starten kann.

Es ist April und ich bin nun nach ca. 4.000 km in Montreal angekommen. Außerhalb der Stadt kündigten die Rufe der rückkehrenden Kanadagänse bereits den Frühling an. Es riecht nach Erde. Die ersten Knospen sprießen und mit Freude warte ich darauf, dass die Bäume endlich Blüten tragen und die Natur zu neuem Leben erwacht.

In weniger als zwei Monaten beginnt für mich ein neues Jahr auf dem Great Trail. Ich werde neuen Herausforderungen mit einer anderen Stärke, selbstbewusster und mit einem neuen Verständnis von Leben und Erleben gegenübertreten. Ich werde die Einfachheit und Leichtigkeit des Seins mehr genießen können und mir bewusst dafür Zeit nehmen.

Mein Respekt für und meine Verbindung zu Mutter Natur wird weiter wachsen und es wird mir möglich sein, neue Grenzen zu testen. Und wie bereits in den letzten zehn Monaten werde ich in meinem Alleinsein in der Natur viel Zeit zum Nachdenken finden – über mich, meine Umwelt und andere Menschen. Menschen, wie den Kanadiern, die mir mit ihrer Fürsorge und Hilfsbereitschaft seit Beginn dieses Abenteuers immer wieder neue Kraft geben und mir ermöglichen, in meiner Reise als Mensch zu wachsen.

Der Weg ist das Ziel und das beste Transportmittel dafür sind zwei gesunde Beine. Laufen erlaubt mir überall ein bisschen genauer hinzuschauen und die Welt und zwischenmenschliche Beziehungen bewusster zu erleben. Laufen erlaubt mir auch ein anderes Verständnis von Zeit. Zeit zum Fühlen, Beobachten und Lernen. Zeit, um zusammenzukommen, unsere Geschichten zu teilen und zu verstehen, dass wir uns als Menschen im Wesen und in unseren Bedürfnissen ähnlicher sind als wir glauben.

Auf ihrem Blog “Between Sunsets” gibt es regelmäßig Infos über Melanies Wanderung durch Kanada.